Zappanale 20, die dritte - Bands

Neues von an bóthar
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Ein paar Wörter und Worte zu den Bands, die wir das Glück hatten zu sehen.

Als wir am Sonnteg am frühen Nachmittag vor Ort und vor der Bühne eintreffen, werden wir mit Werbeflyern für Indonesien empfangen. Auf der Bühne befinden sich eins, zwei, drei,..., sechs, sieben,...viele Musizierende. Darunter eine junge Dame im schwarzen Cocktailkleid, die gerade Arien aus Opern der neuen Wiener Schule zu zitieren scheint. Auf der anderen Seite der Bühne hampelt jemand herum, der aussieht wie ein ausgebleichter T.M. Stevens. Allerdings mit einer Strat in Händen. Hinten in der Mitte, dort, wo bei King Crimson Robert Fripp positioniert ist, trohnt ein alter Mann, mutmaßlich Vater des Dalai Lama. Vor sich hat er eine Batterie kleiner dicker Zimbeln, die er beizeiten mit einem Hammer bearbeitet. Extravagant. Das Ensemble ist nicht im Programm angekündigt. Es handelt sich um Discus. Seine Musik fängt dort an, wo Zappa aufgehört hat. Ganze längere Teile betonen seine orientalische Herkunft. Die Kompositionen mäandern zwischen den Stilen.

Schon jetzt hat sich der Besuch gelohnt. Doch ist das erst der Anfang.

Während auf der großen Bühne umgebaut wird, tirtt die kleine Bühne in Erscheinung. Zwei junge Männer sitzen sich gegenüber. Einer in einer Schlagzeugbatterie, der andere vor einem elektrischen Klavier. Es handelt sich um die Gnarled Bikers. Sie betonen, dass sie gerne geprobt hätten, aber ausdrücklich dazu angehalten waren, das nicht zu tun. Die angeblich fehlende Vorbereitung spiegelt sich wieder in einer Vermeidung vertrackter Arrangements. Kein Stück verleugnet sein Wesen als Improvisationsgeburt. Lange Spannungsbögen werden auf- und wieder abgebaut. Klingt krautig. Aussergewöhnliche Virtuosität und wagemutiger Abwechslungsreichtum tragen über mehr als eine halbe Stunde kurzweiliger Performanz. Schon zu ende? Schade. Weiter gehts auf der großen Bühne.

Dort begeistert ein ganz besonderer Leckerbissen. The Grande Mothers konstituieren sich wesentlich aus alten Zappa-Weg- bzw. Bühnengefährten. Dieses Mal ausser Napoleon Murphy Brock noch Don Preston und Roy Estrada. Diese nicht mehr ausdrücklich junge Gruppe rockt sich lächelnd durch das Repertoire des Meisters, ergänzt um eigenes Material. Der absolute Hammer. Und vor mir im Publikum steht Bruce Bickford. Ja, seid ruhig neidisch.

Wie um die erregten Gemüter abzukühlen entsteht eine Pause. Gute Gelegenheit, das Catering zu testen. Keine Beanstandung. Weiter geht es mit der Mats & Morgan Band. Vorne auf der Bühne steht Danny Valley, langjähriges Mitglied der Magic Band (Beefheart). Die rocken. Häufig mit einem ausgiebigen Schuss Blues. Während des Auftritts erklimmen weitere Zappa Bühnengefährten den Ort des Geschehens. Don Preston, Robert Martin, Ike Willis. Das Zappa-geneigte Ohr kann sich nicht satthören an diesem Angebot. Die Bluesattitüde wird nie vernachlässigt, aber sehr wohl gebrochen, wenn Mats Öberg mit einem Feuerwerk energischer Keyboardsounds soliert. Amtliches Ergebnis. Geil.

Im Folgenden kümmere ich mich um mein leibliches Wohl und schaue mir die Buden an. Ich verpasse Paul Green und mit ihm ein wildes Durcheinander verschiedenster Orchestrationen. Es wird andere Gelegenheiten geben.

Mit einer kleinen, spannenden Pause steuert alles auf den Höhepunkt des Abends zu. Ein beträchtlicher Teil der großen Bühne ist schon den ganzen Tag von einem gewaltigen Schlagzeug blockiert. Ein Meer von Trommeln und Zimbeln, angebracht an einem Gerüst, wie um das Dach eines Zeitungskoisks zu reparieren. Es handelt sich um das Arbeitsgerät (oder etwa der "natürliche Lebensraum"?) von Terry Bozzio, Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts Schlagzeuger bei Meister Frank. Seit ein paar Jahren läßt er sich nur noch als Solist buchen. (Das stimmt nicht ganz. Es ist ja nicht lange her, dass er im Rahmen von "Zappa plays Zappa" im Bandkontext unterwegs war. Bad Doberan belärmt er allein. Und wie. Atemberaubend. Mehr als eine Stunde, die niemals langweilig wird. Ab und an kommen vom Sampler seltsame Flächensounds. Ein Lehrstück, was die Welt der Rhythmen zu bieten hat.

Nach Bozzios Galaauftritt kommt ein offizieller Teil. Es werden fleißig Hände geschüttelt. Besonders angenehm zu sehen, wie demütig Terry Bozzio seinem Publikum gegenübertritt.

Der Abend ist noch nicht zu ende. Auf der kleinen Bühne hebt ein Lärm an, die Erde zu verwüsten. Nein, nach genauem Hinhören sind Zappa-Weisen zu identifizieren. In alberne Kostüme gewandet (Bademantel/Frauenkleider am Mann, u.a.) und mit der Klangattitüde der Ramones werden dem Publikum von der Gruppe "Tarentatec" aus ihrem Programm "aufrichtiges Zappa" Zappa Coverstücke um die Ohren geprügelt. Rauh und mitreißend. Lange nachdem die Ostseenacht den Ostseetag verjagt hat mischen sich auch nicht Zappa-Stücke in das Repertoire (z.B. "Light My Fire"). Ein begeisterter Abgesang auf einen erfüllten Tag. Während Magister Wigbold dem Ostseestrand entgegenreitet, erklimmen die Protagonisten ganzlich entblößt zur Zugabe die Bühne. "Ich mach für euch noch die Gitarre höher..."...
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